Josef Schnell,
Neue Gasse 718
(Neppendorf)
z. Zt. 73614 Schorndorf
Februar 2004
Ein Bericht über meine Erlebnisse vom 14. 01. 1945 - 17. 09. 1949 in der früheren Sowjetunion und der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands.
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Ich, Josef Schnell bin am 12.04.1928 in Neppendorf geboren, ich konnte aber meinen 17.Geburtstag nicht zu Hause feiern da ich am 14.01.1945 von rumänischen und sowjetischen Militärs aus meinem Elternhause abgeholt, und in den großen Neppendorfer Saal gebracht wurde, wo schon viele andere, die am 13.01.45 ausgehoben worden waren, in völliger Ungewissheit warteten, was nun werden sollte. In der Nacht vom 14. zum 15.Jan. wurden wir auf L.K.Ws geladen und zum Bahnhof gebracht, wo wir anschliessend in für diesen Zweck bereitgestellte Güterwaggons verladen. In unserem Waggon befanden sich ausschliesslich männliche Personen, in der Mitte unseres Waggons war ein kleiner Kanonenofen an dem wir uns etwas wärmen konnten wenn Holz da war. Die Fahrt dauerte bis den 30.Jan.dann waren wir in Dnjepropetrowsk, (Ukraine). Hier angekommen, mussten wir alle aussteigen und uns in einer langen Kolonne aufstellen, dann wurde ein Teil davon abgezählt, darunter auch ich. Die so abgezählten wurden von neuem in Waggons getrieben und nach Dnjeprodserschinsk gebracht, das war am 31.Jan. Das weitere Geschehen werde ich hauptsächlich in der Ichform schreiben, hin und wieder (von Fall zu Fall) auch in der Wirform.
Also am 31.Jan.bin ich in Dnjeprodserschinsk angekommen und kam in das Arbeitslager 14-15, am 2.Februar wurde ich schon mit Lungenentzündung ins Krankenrevier gebracht, mit mir im gleichen Raum war noch ein Neppendorfcr Landsmann und ein Grossauer Junge mit geschwollenen Beinen, jeden Morgen wurde das Fieber gemessen, eine junge Frau mit einem weißem Kittel kam mit einer grüner Flasche und einem Esslöffel, jeder bekam einen Löffel von der undefinierbaren Brühe aus der Flasche, wir wurden alle drei gesund, neben Gottes Gnade und Barmherzigkeit, verdanke ich meine Genesung auch einem Grossauer Mädel‚ das mir immer wieder kalte Wickel um die Beine gemacht hatte und so das Fieber niedrig hielt, ihr Mädchenname war,Grohmeier Maria, sie könnte jetzt um die 80 Jahre alt sein, sollte sie noch am Leben sein und diese Zeilen lesen, so möchte ich Ihr auf diesem Wege nochmals ein herzliches Dankeschön sagen.
Nach meiner Genesung wurde ich einer Arbeitsgruppe zugeteilt, die im Steinbruch arbeitete, ich musste um 4 Uhr früh aufstehen, waschen, in die Kantine gehen, Kraut oder saure Gurkensuppe löffeln und 2 Esslöffel Kascha (Graupen) essen, dann ging's 7 km zufuß durch Schnee und Matsch zum Steinbruch am Dnjepr, wir mussten Bruchsteine auf die im Wasser liegenden Schleppkähne tragen oder Waggons von Hand mit Sand beladen, es war für mich die Hölle auf Erden, nach etwa einem Monat kam ich in ein zum Steinbruch gehörendes Sägewerk mit einer Tischlerei, dort hatte ich es gut, muste nur die Hobel- und Sägespäne aus der Tischlerei hinausschaffen und bekam von den Arbeitern (Russen) auch manchmal einen Kanten Brot oder einen Apfel was ja eigentlich verboten war. Später arbeitete ich mit noch fünf anderen Männern, darunter zwei Grossauern im sogenanten Kulturpark der Stadt Dnjeprodserschinsk.
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In dieser Zeit bat mich ein kranker Zimmermitbewohner, für ihn ein Hemd auf dem Basar, der sich ganz in der Nähe des oben erwähnten Parks befand, zu verkaufen, (was ebenfalls verboten war), hierbei aber wurde ich von einem Lageroffizier erwischt, er konnte mich leicht erkennen weil ich wie alle anderen ein aufgenähtes großes I auf der Kleidung tragen musste. Er führte mich sofort ins Lager und steckte mich in den sogenannten Karzer, wo ich noch andere sieben "Übeltäter" vorgefunden habe, nach etwa einer Stunde kam auch noch der 9.dazu, im Karzer blieb ich von Freitag mittags bis Montag abends, in dem Raum wo wir eingekerkert waren gab keine Betten, nicht einmal einfache Pritschen, der Boden war zur Hälfte mit Brettern ausgelegt, die andere Hälfte war purer Sand und so schlief jeder wie er konnte, auf den Brettern oder im Sand. Samstags und Sonntags musten wir mit einem Pferdewagen, aber ohne Pferde (diese ersetzten wir durch unsere eigene Zugkraft), Kohlen vom nahegelegenen Fabriksbahnhof zur Kantine schaffen, natürlich immer unter Bewachung, als ob wir Schwerverbrecher wären. Am Montagmorgen ging's dann zur Leichenhalle, dort lagen drei tote Männer, zum Skelett abgemagert, die luden wir alle drei in einen roh gezimmerten Sarg und fort ging's mit unserem Kohlenwagen, wieder ohne Pferd, zum Lagerfriedhof, dort war schon ein Loch gebuddelt, die drei Toten wurden an Händen und Füssen gepackt und in das Loch geworfen, als wir dann im Lager zurück waren kriegten wir eine extra Portion Essen, den sogenannten Leichenschmaus, ansonsten gab es in den dreieinhalb Tagen, die ich im Karzer zubrachte, nur zweimal zu Essen, am Montag gegen Abend wurde ich nachdem ich vom politischen Offizier verhört worden war, aus dem Karzer entlassen, ich erhielt alles was man mir abgenommen hatte, zurück jedoch das Taschenmesser, das mir mein Vater mitgegeben hatte und das Hemd das ich verkaufen sollte (aber nicht mehr dazu kam), habe ich nie wiedergesehen.
Erwähnen möchte ich noch, in der Zeit wo ich im Park gearbeitet habe, bekamen wir, etwa 7 oder 8 Tage dort in einer Kantine ein Mittagessen, bei der Rückkehr ins Lager gab's dann noch einmal Mittagessen (unbeabsichtigt), aber nach der oben genannten Zeit flog die Sache mit dem doppelten Mittagessen auf und wir wurden vor versammelter Rotte als Bösewichte dargestellt, (eine Rotte bestand aus den Insassen einer Baracke), das hat mich aber wenig gejuckt, was im Bauch war konnte mir keiner mehr nehmen.
Ich arbeitete später noch als Hilfsarbeiter bei der Instandhaltung der Siemens-Martin-Öfen
und Hochöfen,das war auch wieder eine Qual für mich, denn die großen Schainotte-Ziegeln
waren sehr schwer und ich war sehr schwach, im Frühjahr 19146 am l.Ostertag
hat mich eine Ärtzliche Komission aufgrund meines prekären allgemeinen Gesundheitszustandes
auf Erholung geschickt, der Erholungsort war innerhalb unseres Lagers in einem
mit Stacheldraht abgetrenntem Teil des Lagers mit einem großen Saal, dort waren
100 Leute untergebracht ‚ wir bekamen reichlich zu essen 5 mal am Tag, alle
zwei Wochen wurden einige die sich ein wenig erholt hatten gegen Schwächere
ausgetauscht, ich blieb 8 (acht) Wochen dort, dann. musste auch ich raus,
jedoch die Lagerärztin (eine Jüdin) setzte es gegen den Willen des Lagerkommandanten,
einem Major durch,das ich nicht mehr in das Werk zurück musste.
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Ich blieb von nun an. im Lager und arbeitete wo etwas zu tun war, am meisten war ich in der Nähe der Lagerküche, wo ein Neppendorfer Koch war, er hiess Johann Schnell (Pala Huonz, da Boxa), der war ein Schul- und Jugendfreund meines älteren Bruders, da ging es mir auch ein wenig besser. Ende August oder Anfang September wurde ich und viele andere von einer ärztlichen Kommission als arbeitsunfähig erklärt und am 17.Sept.verliessen wir das Lager und auch Dnjeprodserschinsk, in der naiven Meinung es ginge nach Hause, um so erstaunter waren wir, als wir uns auf einmal in Frankfurt an der Oder befanden, dort übergaben uns die Russen den Deutschen Behörden und damit begann für uns eine neue Leidenszeit. In Frankfurt wurden wir erstmal registriert und nach allen möglichen und unmöglichen Sachen befragt, dann erhielten wir für 2 Tage Marschverpflegung und bis ich alles beisammen hatte, hatte ich auch schon nichts mehr zu essen, ich hatte alles sofort aufgegessen.Von Frankfurt ging's nach Torgau ins Quarantänelager, es war dies eine frühere Kaserne, rnit Drahtzaun eigezäunt, jedoch nicht mit Stacheldraht, dort mussten wir 4 Wochen bleiben, es gab morgens eine Tasse Kaffee oder jedenfalls so etwas ähnliches, mittags eine Suppe und 300g. Brot, abends wieder eine Tasse des sogenannten Kaffees, in der ganzen Zeit, die ich in Dnjeprodserschinsk verbracht hatte, habe ich nicht so viel Brutalität erlebt, von Mensch zu Mensch, als in den 4 Wochen in Torgau.Von Torgau ging's dann nach Barby an der Elbe, wo wir in einem Schloßartigen ehemaligen Gutshaus untergebracht wurden, es gab zwar keine Betten, da aber es schlief sich auch am Fußboden auf Stroh ganz gut, Hauptsache war wir konnten uns zum erstenmal wieder frei bewegen. Barby hatte an der Elbe einen Hafen, da ging ich öfters hin und konnte mir mit kleinen Hilfsarbeiten einige Mark verdienen und so die karge Kost im Lager, die ja auch nicht besser war als in Torgau, ein wenig verbessern, indem ich mir in einer Gaststätte ein Lebensmittelkartenfreies Essen kaufen konnte, auch bei den Einwohnern konnte man sich durch Holz kleinspalten etwas verdienen, man musste nur wollen. Nach 3 Wochen Barby wurden wir auf verschiedene Ortschaften aufgeteilt, ich kam mit einer größeren Gruppe, Frauen und Männer, nach Kakau bei Oranienbaum das liegt südöstlich von Dessau, bei den männlichen Personen waren ausser mir noch 5 Neppendorfer dabei, die aber inzwischen alle verstorben sind, einer von den fünfen hat sich dort in Kakau durch Erhängen das Leben genommen, ich wurde mit einem älteren Landsmann, Josef Köber (Schneida Semfeta fum Kraugorten) mit dem ich seit der Erholungszeit im Lager Dnjeprodserschinsk immer zusammenwar bei einer Fam.Richter einquartiert. Jetzt muss ich ein wenig zurückgreifen: Als wir in Kakau ankamen, hatte die Ortsverwaltung nur für die weiblichen "Hergelaufenen" wie man uns damals nannte, Unterkünfte bereitgestellt, die Männer musssten zwei Tage und Nächte unter freiem Himmel campieren, bis auch für sie Unterkünfte gefunden waren und das im November, unser Zimmer bei der Fam.Richter war etwa 3 mal 4m .mit einem Fenster, im Zimmer war ein stockhohes Holzbett ohne allem Zubehör und. ein alter Kleiderschrank, der Bauer gab uns noch einen Bund Stroh, worauf wir schlafen konnten.
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Es gab in dem Zimmer auch keinen Ofen, also mussten wir in der Kälte schlafen, das Essen konnten wir uns in der Küche kochen (wenn wir hatten mit was), die übrige Zeit hielten wir uns in einer Gaststube auf‚ deren Wirt uns dort sitzen liess, auch wenn wir nichts konsumierten, im Dezember fing ich an, im Wald zu arbeiten, ich musste gefällte Baumstämme schälen, ich habe es aber wegen meiner dünnen Kleidung dort nicht lange ausgehalten, danach arbeitete ich in einem Munitionsdepot, dort war es dann wieder etwas besser. Im Frühjahr ging ich in die Landwirtschaft und arbeitete als Kutscher wie man dort sagte, bei uns zuhause sagte man als Knecht, es gab viel zu arbeiten, aber es gab auch immer satt zu essen. In Kakau lernte ich auch meine erste Frau, die Mutter meiner beiden Kinder kennen, das war am 1.Weihnachtstag 1947. Im August 1949 wurde durch die Presse und den Rundfunk bekanntgegeben, dass alle rumänischen Staatsbürger, die aus Russland nach Deutschland gekommen sind und wieder in die Heimat zurück möchten, sich Ende August in Ölsnitz, im Sammellager zu melden sollten, um in die Heimat zurückgeführt zu werden. Anfang September kamen wir in Großwardein (Oradea) an und wurden dort verschiedenen Verhören unterzogen und wehe, man sagte beim 2. Verhör etwas anderes aus als beim ersten, dann gingen erst die Schikanen so richtig los, rneine zukünftige Frau und ich wurden am selben Tag noch entlassen und kamen am 17.September nachmittags am Hermannstädter Bahnhof an, wo mich meine Mutter und mein älterer Bruder erwarteten, mein Bruder brachte meine spätere Frau zuerst zu einer in Hermannstadt lebenden Schwägerin und dann war es soweit: Ich war wieder in meinem Elternhaus, Gott sei's gedankt.
Dies ist der Bericht im Großen, es ware noch vieles hizuzufügen aber es würde dann zu weitschweifig.
Ubrigens: Meine damalige Freundin und spätere erste Frau hiess Sofia Mehburger, sie stammte aus der schönen Gemeinde Alzen im Harbachtal und ist im Jahre 1963 nach langem, schwerem Leiden in Hermannstadt gestorben. Diese meine Geschichte soll zugleich eine Danksagung sein, für all die Liebe und Aufopferung, die sie ihrer Familie trotz des jahrelangen qualvollen Leidens dargebracht hat. In unseren Herzen wird sie weiterleben solange diese noch schlagen, wir werden sie nie vergessen!
Sie hatte noch 2 Schwestern und 2 Brüder, die aber auch alle verstorben sind.
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